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am 7. April 2015

Ein Frontalangriff gegen die psychische Gesundheit

Heinrich Schellhorn - Eine gefährliche Diskussion für Menschen mit psychischen Erkrankungen und für die Gesellschaft ortet Sozialreferent Landesrat Dr. Heinrich Schellhorn nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich.

Eine gefährliche Diskussion für Menschen mit psychischen Erkrankungen und für die Gesellschaft ortet Sozialreferent Landesrat Dr. Heinrich Schellhorn nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich.

Schellhorn ist als Sozialreferent auch für den Psychosozialen Dienst des Landes und für Menschen mit psychischen Erkrankungen verantwortlich. Die öffentliche Debatte um einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Absturz und einer behandelten angeblichen Depression des Kopiloten nehme "einen gefährlichen Verlauf", so Schellhorn heute, Donnerstag, 2. April.

Nach Bekanntwerden einer früheren psychischen Erkrankung des Kopiloten habe sich die öffentliche Aufmerksamkeit und die Berichterstattung auf dieses Erklärungsmuster konzentriert. Sogar künftige Schadenersatzansprüche seien schon unter diesem Vorzeichen diskutiert worden, noch bevor irgendein ursächlicher Zusammenhang bewiesen worden sei. Ein solcher sei von der zuständigen Staatsanwaltschaft auch gar nicht behauptet worden, so Schellhorn.

Angst vor beruflicher Ausgrenzung

So wie derzeit die öffentliche Diskussion geführt werde, könne am Ende eine sehr weit gehende berufliche Ausgrenzung von Menschen, die einmal wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung waren, stehen. Es gebe schließlich eine Vielzahl von Berufen, bei denen Menschen für andere direkte Verantwortung übernehmen, beispielsweise Taxifahrer, Schulbusfahrer, Lokführer, Schiffskapitäne etc., so Schellhorn.

Die öffentliche Vorverurteilung und das öffentliche Verlangen nach einer Preisgabe der ärztlichen Schweigepflicht können nur dazu führen, dass sich viele Menschen mit psychischen Erkrankungen aus Angst vor beruflicher Ausgrenzung nicht mehr in notwendige Behandlung begeben. Die erfolgreichen schwierigen und langjährigen Bemühungen, psychische Erkrankungen wenigstens teilweise öffentlich zu enttabuisieren, würden so einen schweren Rückschlag erleiden. Schellhorn: "In Konsequenz ist das geradezu ein Anschlag auf die psychische Gesundheit, gegen den ich mich vehement zur Wehr setzen werde."

Jeder dritte Mensch in Österreich

Schellhorn hält fest, dass jeder dritte Mensch in Österreich zumindest einmal in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Im Fall von Depressionen liegt die Wahrscheinlichkeit, im Lauf des Lebens daran zu erkranken, bei Frauen zwischen zehn und 25 Prozent, bei Männern zwischen fünf und zwölf Prozent. Depressive Menschen haben zwar eine höhere Selbstgefährdung und leiden möglicherweise auch unter Selbstmordgedanken, sie sind aber deshalb nicht für andere gefährlicher.

Mehr Unsicherheit

Sozialreferent Schellhorn warnt vor einem gesellschaftlichen Klima, das psychische Erkrankungen in die Nähe von Straftaten rückt und spricht sich entschieden gegen eine Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht aus: "Wir müssen das Thema psychische Gesundheit insgesamt ernster nehmen und die psychotherapeutische und psychiatrische Versorgung verbessern. Aber ein solcher öffentlicher Diskurs mit Forderungen nach stigmatisierenden und diskriminierenden Maßnahmen wird letztlich nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Unsicherheit schaffen."

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