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am 21. Februar 2013

Soll ich noch Amazon?!

Birgit Schatz - Leiharbeit, Überwachung, Lohnsklaverei: sechs Fragen an Birgit Schatz zum aktuellen Amazon-Skandal.

Leiharbeiter, die in engsten Behausungen wohnen. Eine österreichische Leiharbeitsfirma, die diese Menschen billig vermittelt. Ein „Sicherheitsdienst“ mit Verbindungen zur Neonazi-Szene: beim weltgrößten Online-Versandhaus Amazon jagt derzeit ein Skandal den nächsten. Und tausende empörte KundInnen reagieren auf ihre Art – mit Anti-Amazon-Facebook-Seiten oder gelöschten Amazon-Konten. Wir haben mal bei unserer ArbeitnehmerInnensprecherin nachgefragt, wie sie die Sache sieht.​

Sechs Fragen an Birgit Schatz:

1. DIESER TAGE REDEN ALLE ÜBER EINEN VON DER ARD DOKUMENTIERTEN SKANDAL RUND UM ARBEITSBEDINGUNGEN VON LEIHARBEITERINNEN BEI AMAZON DEUTSCHLAND. WAS IST AUS SICHT DER GRÜNEN DAS KONKRETE PROBLEM DAMIT? ​
BIRGIT SCHATZ: Grundsätzlich sind LeiharbeiterInnen schon per Gesetz ArbeitnehmerInnen zweiter Klasse. Wobei die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland nochmals schlechter sind als etwa in Österreich. Darüber hinaus gibt es in der Leiharbeitsbranche viele schwarze Schafe. Sie brechen oder umgehen ganz bewußt die an sich schon schlechten Gesetze und gehen völlig inakzeptabel mit ihren Leuten um. Viel zu selten wehren sich die Betroffenen dagegen, weil sie oft am Arbeitsmarkt keine Alternative zu diesen schlechten Jobs haben.

Die Tatsache, dass Amazon einen eigenen Sicherheitsdienst engagierte, der die LeiharbeiterInnen sogar in ihrer Freizeit überwacht, ist völlig jenseitig. So was kenne ich bis dato aus Österreich nicht.​
2. WAS MUSS AMAZON AUS DEINER SICHT ÄNDERN?​
In der aktuellen Situation ist Amazon zu empfehlen, völlige Transparenz bei den Beschäftigungsbedingungen zu schaffen und mit der Gewerkschaft zu kooperieren. An sich sollte sich jedes Unternehmen bewusst sein, dass MitarbeiterInnen ein wichtiges Kapital sind und Fairness im Umgang mit denselben einfach ethischer Standard zu sein hat. Allerdings bezweifle ich, dass Amazon ab nun das Gute-und-Schöne in der Arbeitswelt repräsentieren wird. Personalkosten niedrigst zu halten wird ein zentrales Anliegen bleiben, um billige Preise anbieten zu können und den Unternehmensgewinn zu steigern.​
3. DIE ÖSTERREICHISCHE FIRMA TRENKWALDER IST PERSONALDIENSTLEISTER VON AMAZON. WIE SIEHST DU DIESE KONSTRUKTION? ENTSPRICHT SIE DEM GESETZ?​
Das wird gerade von den Behörden in Deutschland geprüft. Das Problem ist aber die Leiharbeit an sich, selbst wenn sie unter legalen Bedingungen stattfindet.​
4. WARUM GIBT ES ÜBERHAUPT LEIHARBEITERINNEN AUS DEINER SICHT? IST DAS EINE SINNVOLLE ODER NOTWENDIGE ARBEITSFORM?​
Leiharbeit war ursprünglich eine Möglichkeit kurzfristig bei Produktionsspitzen qualifizierte Leute zu bekommen. Mittlerweile werden LeiharbeiterInnen aber überall und auch sehr langfristig eingesetzt, um Personalkosten zu sparen. Diese Entwicklung ist problematisch. Ich denke, in der momentanen Form ist Leiharbeit für mich keine akzeptable Beschäftigungsform. Mit entsprechenden Reformen kann aber eine Möglichkeit, kurzfristig Fachkräfte zu bekommen, schon Sinn machen. Aber - wie gesagt - es geht um die Konditionen und Rahmenbedingungen.​
5. WIE KANN ICH MEINEN PROTEST AUS DEINER SICHT AM BESTEN KUNDTUN? SOLL ICH BEI AMAZON ÜBERHAUPT NOCH BESTELLEN?​
Schlechte PR zwingt Amazon zu handeln. Insofern sind Protestmails direkt an das Unternehmen, LeserInnenbriefe an Medien oder Netzwerkkommentare wohl sehr sinnvoll. Persönlich bestelle ich derzeit sicher nichts bei Amazon, bevor sich die Situation geklärt und transparent verbessert hat. Letztlich muss das aber jede und jeder für sich entscheiden, wenngleich Umsatzeinbrüche natürlich auch ein Ansporn sein könnten, rasch zu handeln.​
6. GIBT ES EINE HILFESTELLUNG FÜR MICH ALS KONSUMENTiN ZU ERFAHREN, WELCHE UNTERNEHMEN NACH ORDENTLICHEN STANDARDS ARBEITEN? WO KANN ICH MICH INFORMIEREN?​
So was wie ein Fair trade/Fair work-Gütesiegel gibt es leider nur im entwicklungspolitischen Zusammenhang. Es ist ziemlich schwierig, im Konsens mit den ArbeitgeberInnen Standards für faire Arbeit zu definieren, erst recht länderübergreifende Standards. Wir Grüne haben das für einzelne Branchen immer wieder angeregt, etwa im Bereich Tourismus.

In Oberösterreich erstellt die AK regelmäßig das "Schwarzbuch Arbeitswelt", in dem - allerdings nur oberösterreichische - Unternehmen aufgelistet sind, die einen schwierigen Umgang mit MitarbeiterInnen praktizieren. Vorsichtig wäre ich mit vom Unternehmen selbst präsentierten CSR-Richtlinien. Diese sind leider häufig ein PR-Instrument und sagen wenig über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen aus.

Wichtig scheint mir allerdings, dass sich jeder einfach selbst bewusst macht, dass der billigste Preis auch seinen Hintergrund hat. Lohndumping ist im Wettbewerb ein zentraler Faktor.
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