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am 1. Mai 2014

"Sie tun einer ganzen Branche unrecht"

GRÜNE Salzburg - Die grüne Nationalratsabgeordnete Birgit Schatz und der Chef der Hoteliervereinigung, Sepp Schellhorn, diskutierten im m32 derart engagiert über Arbeitsbedingungen im Tourismus, dass unbedarfte Gäste immer wieder interessiert zu ihnen blickten. Am Ende des Streitgesprächs vereinbarten aber beide, sich bei ihren Forderungen unterstützen zu wollen.

Hochsaison im Tourismus. Da schmeckt Kritik an den Arbeitsbedingungen nicht allen. Die grüne Parlamentsabgeordnete Birgit Schatz sagt, man spreche viel über Qualitätstourismus, doch bei den Arbeitsplätzen fehle die Qualität. Sepp Schellhorn, Präsident der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) und selbst Hotelier, findet, dieses Pauschalurteil sei ungerecht. Dementsprechend heftig diskutierten die beiden beim SN-Streitgespräch in Schellhorns Restaurant m32 über den Dächern Salzburgs.

SN:Die Statistik Austria hat gerade Einkommensberichte herausgebracht, wonach der Tourismus die am schlechtesten zahlende Branche ist. Das ist kein Renommee.

Schatz: Der Tourismus liegt selbst jetzt nach den Kollektivvertragsverhandlungen mit Steigerungen, die ein großer Sprung waren, noch immer unter einem fairen Mindestlohn. Die Fakten zeigen, dass das Personal im Tourismus Probleme hat. Mir geht es darum, Verbündete zu finden, wie wir diese Probleme angehen können.

Schellhorn: Grundsätzlich bin ich Ihrer Meinung, dass wir etwas weiterbringen müssen. Wir bemühen uns auch seitens der ÖHV. Im Gegensatz zu Ihnen reden wir aber schon von Mitarbeitern, während Sie noch von Personal sprechen. Uns ist der Mensch wichtig, wir wissen, dass dies das Kapital unserer Zukunft ist. Wir müssen aber erkennen, dass der Tourismus und das Gastgewerbe in einen Topf geschmissen werden. Es gibt die Hotellerie, die fast 70 Prozent über dem Kollektivvertrag zahlt, und die Gastronomie, den Wirt ums Eck, der laut KV und die Hälfte schwarz zahlt. Ich verwehre mich dagegen, dass Sie einen Wirt ums Eck mit einem Hotelier vergleichen. Man muss zwischen Qualitätstourismus und Beislkellnerei unterscheiden.

SN:Heißt das, Hotellerie und Gastgewerbe sollten getrennt marschieren?

Schellhorn: Es wäre gut, würde man den Kollektivvertrag in Hotellerie und Gastronomie aufteilen. Dann käme mehr Qualität in die Diskussion und nicht das Vertuschen von Problemen, die ganz Österreich betreffen - nämlich die Schwarzarbeit und das Pfuschen.

Schatz: Aber das ist nicht der Sinn der Sache. Es geht darum, dass Menschen, wenn sie Vollzeit arbeiten, ein existenzsicherndes Einkommen haben sollen. Ich gebe Ihnen aber recht, dass es Unterschiede gibt.

Wäre es aber so, dass die Hotellerie so viel besser bezahlen würde und alle anderen so schlecht wären, kämen wir trotzdem nicht auf folgende Medianwerte: Derzeit liegt der Bruttostundenlohn bei 7,89 Euro, bei den Frauen bei 7,69 und bei Teilzeitkräften bei 7,50. Wenn Sie die Kollektivverträge trennen wollen, hat vielleicht die Hotellerie einen besseren KV, aber was ist mit den anderen? Womöglich wirkt sich das noch schlechter auf sie aus. Ihr Vorschlag wird das Problem der geringen Löhne nicht lösen. Aber man kann darüber diskutieren.

Schellhorn: Man muss das System verändern und darf nicht mehr das System der Schwarzarbeit tolerieren. Schauen Sie sich an, was da unten in der Stadt Salzburg in den Bars am Rudolfskai passiert. Wir haben ein fiskalpolitisches Problem, das die Politik natürlich regeln kann. Wir wissen ja, je höher die Steuerbelastungen bei den Lohnkosten sind, desto mehr Schwarzarbeit gibt es.

SN:Die hohen Lohnkosten treffen aber alle Branchen.

Schellhorn: Wenn man sich in der Hotellerie den Geldverkehr anschaut, sieht man, dass über 73 Prozent über Kreditkarten bezahlt wird. Die Frage, brauchen Sie eine Rechnung, gibt es bei uns schon lang nicht mehr.

Schatz: Es geht darum, gute Niveaus über existenzsichernde Mindestlöhne zu schaffen, die dann auch kontrolliert werden. Das würde nicht nur die Schwarzarbeit zurückdrängen, sondern wäre auch positiv für alle, die vorher schon korrekte Arbeitsbedingungen hatten, weil das die Wettbewerbssituation verändert. Dass wir insgesamt in Österreich den Faktor Arbeit relativ hoch belasten, steht ohnehin außer Zweifel. Die Grünen wollen hier steuerlich umverteilen, den Verbrauch natürlicher Ressourcen höher besteuern und den Faktor Arbeit entlasten. Ich glaube aber nicht, dass die Mindestlöhne durch steuerliche Entlastung steigen.

Schellhorn: Bitte lassen Sie die Mindestlöhne. Wissen Sie, was ein Abwäscher aus Afghanistan bei mir verdient?

Schatz: 1400 Euro brutto im Monat?

Schellhorn: 1350 netto. Das ist das Mindeste, was bei mir jemand bekommt.

Schatz: Aber das ist nicht repräsentativ für die Branche. Wie kämen sonst die schlechten Werte zustande?

SN:Wenn alles so gut ist in der Hotellerie, warum plagen Sie dann Personalprobleme?

Schatz: Die Menschen sind nach einer Saison fertig, manche nehmen Kokain, dass sie das überstehen.

Schellhorn: Das ist doch absurd.

Schatz: Das berichten Betroffene.

Schellhorn: Die Arbeitszeiten sind nicht so viel schlechter als in vielen anderen Branchen. Sie tun einer ganzen Branche verdammt unrecht. Natürlich wird im Tourismus an den Wochenenden gearbeitet.

Schatz: Es sagt niemand, dass am Wochenende nicht zu arbeiten ist, aber die Frage lautet, muss es jedes Wochenende sein? Der Arbeitsklimaindex im Tourismus geht sukzessive zurück, während er in allen anderen Branchen steigt. 42 Prozent der Beschäftigten im Tourismus sind unter 30 Jahre, weil die Menschen, sobald es möglich ist, wieder aussteigen.

Schellhorn: Vielleicht liegt das ja am Schulsystem. Wir haben in der touristischen Ausbildung Schulen für Lehrer, nicht für Schüler. Praktikanten werden mit 15 Jahren gezwungen zu praktizieren. Jungen Menschen sollte man erst ab 17 die Möglichkeit geben zu praktizieren, dafür ein halbes Jahr lang und nicht nur zu den Stoßzeiten wie bei den Salzburger Festspielen. Das hat nämlich etwas mit einer Drop-out-Rate zu tun. Jugendliche mit 15 sind oft verängstigt, kommen in der größten Stresszeit. Das erzeugt Frust. Man hat keine Zeit, sie einzuschulen, kann ihnen keine Entwicklungsmöglichkeit geben.

Schatz: Da bin ich bei Ihnen. Da unterstütze ich Sie.

Schellhorn: Es mag schon sein, dass viele aussteigen, aber wenn ich mit 30 eine Freundin habe, dann bleibe ich dort, wo die Freundin ist. In der Ferien-Hotellerie haben wir zu 80 Prozent eine Zweisaisonalität. Hier ist die Drop-out-Rate weit höher, während sie in der Stadt-Hotellerie bis zum 45. Lebensjahr nur bei zwölf Prozent liegt. Für junge Menschen ist die Mobilität nicht so ein Hindernis wie für Ältere. Das hat nichts mit Frust zu tun. Die Bereitschaft zur Mobilität hat aber abgenommen.

SN:Frau Schatz, Herr Schellhorn, was wünschen Sie sich voneinander?

Schellhorn: Meine Forderung an Sie, Frau Schatz, ist, dass Sie sich für geringere Arbeitskosten und faire Rahmenbedingungen einsetzen. Ich möchte von den Grünen, dass sie für eine positive Wirtschaftspolitik für Klein- und Mittelbetriebe (KMU) eintreten. Ich bitte um positive Signale und dass nicht nur hingehauen wird. Weder ÖVP, FPÖ noch SPÖ zeigen sich für Tourismuspolitik und KMU zuständig, da gibt es niemanden.

Schatz: Als Arbeitnehmersprecherin der Grünen wünsche ich mir auch im Tourismus gute Einkommen und akzeptable Arbeitszeiten. Mein Anspruch an Sie, Herr Schellhorn, ist, dass Sie das breiter artikulieren und Impulse dafür geben. Sie müssen wirtschaftlich überleben können, aber die Beschäftigten auch.

Das Interview führte Karin Zauner (SN) und erschien am 26.07.2012 in den​ Salzburger Nachrichten. 

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